Kapitel 1 – Ein Tag, an dem nichts Besonderes passiert
Als Bebi BergBiber an diesem Freitagmorgen die Augen öffnete, hörte er zuerst den Regen.
Tipp. Tipp. Tipp.
Die Tropfen liefen langsam am Fenster herunter.
Bebi setzte sich im Bett auf und schaute hinaus. Über dem BergBiber-Wald hing ein grauer Himmel, die Blätter glänzten nass, und auf dem Weg vor dem Haus hatten sich kleine Pfützen gebildet.
Eigentlich hatte Bebi sich für heute etwas ganz anderes vorgestellt.
Er wollte mit Noa Nashorn zum Bach.
Danach wollten sie Max Meerschweinchen besuchen.
Und vielleicht hätten sie später sogar noch ein Picknick auf der großen Wiese gemacht.
Doch bei diesem Wetter sah es nicht danach aus.
Beim Frühstück stocherte Bebi etwas lustlos in seinem Brot herum.
„Heute ist ein langweiliger Tag“, sagte er schließlich.
Mama BergBiber stellte eine Tasse warmen Kakao vor ihn.
„Der Tag hat doch gerade erst angefangen.“
„Aber es regnet.“
„Das stimmt.“
„Und draußen ist alles nass.“
„Auch das stimmt.“
Bebi seufzte.
Mama setzte sich ihm gegenüber.
„Weißt du, was mir gerade passiert ist?“
Bebi schüttelte den Kopf.
„Als ich deinen Kakao gemacht habe, habe ich das Fenster geöffnet. Und da hat es nach nassem Wald gerochen. Das mag ich sehr.“
Bebi schaute Mama an.
„Das ist doch nichts Besonderes.“
Mama lächelte.
„Vielleicht nicht. Schön war es trotzdem.“
Bebi verstand nicht ganz, was Mama meinte.
Kurz darauf klingelte es.
Vor der Tür standen Max Meerschweinchen und Isabel Igel.
Max trug eine gelbe Regenjacke und Isabel hielt einen kleinen Schirm über ihren Stacheln.
„Wir wollten fragen, ob Bebi spielen darf!“, sagte Max.
Wenig später saßen die drei in Bebis Zimmer.
Doch so richtig wussten sie nicht, was sie machen sollten.
„Wir könnten einen Turm bauen“, schlug Max vor.
„Haben wir schon oft gemacht“, sagte Bebi.
„Malen?“, fragte Isabel.
„Auch.“
Dann entdeckte Isabel auf Bebis Regal ein großes leeres Glas.
„Was ist denn das?“
„Keine Ahnung. Mama wollte es irgendwann wegbringen.“
Isabel nahm es vorsichtig herunter.
Max klopfte dagegen.
Klong.
Bebi sah das Glas an.
Und plötzlich hatte er eine Idee.
Noch wusste er allerdings nicht, dass dieses ganz gewöhnliche leere Glas ihren grauen Regentag komplett verändern würde.
Kapitel 2 – Die erste Glückskarte
Die drei trugen das Glas nach unten.
„Mama?“, fragte Bebi. „Dürfen wir das haben?“
Mama betrachtete das Glas.
„Natürlich. Was habt ihr damit vor?“
Bebi zuckte mit den Schultern.
„Das wissen wir noch nicht.“
Mama lachte.
„Dann bin ich gespannt.“
Zurück im Kinderzimmer holte Isabel Papier.
Max schnitt kleine Karten daraus.
„Vielleicht sammeln wir etwas“, sagte er.
„Steine passen nicht rein“, meinte Bebi.
„Muscheln haben wir keine“, sagte Isabel.
Draußen prasselte der Regen weiter gegen die Scheiben.
Plötzlich blieb Max stehen.
„Ich weiß was!“
Er nahm eine Karte und malte etwas darauf.
„Was ist das?“, fragte Bebi.
„Ein Keks.“
„Warum ein Keks?“
Max grinste.
„Weil Mama mir heute Morgen einen gegeben hat, obwohl ich gar nicht gefragt habe.“
Isabel lächelte.
„Und das hat dich gefreut?“
Max nickte.
Isabel schrieb auf eine zweite Karte:
Mama hat mir beim Abschied einen Kuss auf die Nase gegeben.
Bebi schaute die beiden an.
„Sammelt ihr jetzt Sachen, die euch gefreut haben?“
„Genau!“, sagte Max.
Bebi dachte nach.
Heute war doch eigentlich gar nichts Schönes passiert.
Dann erinnerte er sich.
Als Max und Isabel vor der Tür gestanden hatten, hatte er sich sofort gefreut.
Also malte Bebi drei kleine Figuren unter einem Regenschirm.
„Dass ihr gekommen seid.“
Alle drei legten ihre Karten in das Glas.
Sie fielen auf den Boden.
Raschel.
Bebi schaute hinein.
Drei kleine Zettel.
Mehr nicht.
„Das sieht noch ziemlich leer aus.“
„Dann brauchen wir mehr Glück“, sagte Max.
Isabel schüttelte den Kopf.
„Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Glück.“
Sie grinste.
„Vielleicht müssen wir nur mehr davon entdecken.“
Und so begann die Suche.
Kapitel 3 – Die Glücksdetektive
Zuerst gingen die drei in die Küche.
Mama BergBiber backte gerade kleine Apfelküchlein.
„Das riecht gut!“, sagte Bebi.
Dann blieb er stehen.
„Moment!“
Er rannte nach oben, holte eine Karte und schrieb:
Der Duft von warmen Apfelküchlein.
„Eins gefunden!“
Max entdeckte kurz darauf etwas anderes.
Der Regen hatte aufgehört.
Auf einem Blatt vor dem Fenster hing ein großer Tropfen.
Als kurz die Sonne zwischen den Wolken hervorschaute, glitzerte er.
„Der sieht aus wie ein kleiner Diamant!“
Nächste Karte.
Isabel bemerkte, dass Mama ihnen drei Apfelstücke hinstellte.
Noch eine Karte.
Bald machten die drei daraus ein richtiges Spiel.
Sie nannten sich:
Die Glücksdetektive.
Wer einen kleinen schönen Moment entdeckte, durfte ihn aufschreiben oder malen.
Als Papa BergBiber nach Hause kam und Bebi zur Begrüßung hochhob, landete eine neue Karte im Glas.
Als Max so sehr lachen musste, dass er beinahe von seinem Sitzkissen rollte, kam eine weitere dazu.
Sogar Noa Nashorn, der später vorbeikam, machte mit.
„Ich hatte heute einen Glücksmoment!“, rief er.
„Welchen?“, fragte Bebi.
Noa überlegte.
„Ich bin in eine riesige Pfütze gesprungen!“
Bebi lachte.
„Und das war Glück?“
„Natürlich! Sie war riesig!“
Also malte Noa eine Pfütze auf seine Karte.
Am Nachmittag war das Glas schon halb voll.
Bebi hob es hoch.
Die vielen kleinen Karten raschelten darin.
Heute Morgen hatte er noch gedacht, an diesem Tag würde nichts Besonderes passieren.
Dabei waren inzwischen schon so viele schöne Dinge passiert, dass sie kaum alle auf eine Karte passten.
Doch dann bemerkte Bebi etwas.
Amelie Ameise saß etwas abseits auf einem Kissen.
Sie hatte noch keine einzige Karte ins Glas gelegt.
Bebi setzte sich neben sie.
„Findest du heute gar nichts schön?“
Amelie sah auf ihre kleinen Pfoten.
„Doch.“
„Warum hast du dann noch nichts hineingelegt?“
Amelie schwieg kurz.
Dann sagte sie:
„Weil meine Glücksmomente irgendwie zu klein sind.“
Kapitel 4 – Gibt es zu kleines Glück?
Bebi verstand nicht.
„Zu klein?“
Amelie nickte.
„Noa hatte seine riesige Pfütze. Max hatte einen Keks. Du hast dich gefreut, dass deine Freunde gekommen sind.“
„Und du?“, fragte Isabel.
Amelie dachte nach.
„Heute Morgen habe ich meine rote Socke gesucht.“
Noa blinzelte.
„Das ist dein Glücksmoment?“
„Nein. Ich habe sie gefunden.“
Max kicherte.
Doch Isabel sagte:
„Wenn du dich darüber gefreut hast, zählt es.“
Amelie überlegte weiter.
„Und mein Tee hatte genau die richtige Temperatur.“
„Zählt auch!“, sagte Bebi.
„Und auf dem Weg hierher ist ein Blatt direkt vor mir gelandet. Es war ganz rot.“
„Unbedingt!“
Amelie lächelte langsam.
Sie nahm drei Karten.
Auf die erste malte sie eine Socke.
Auf die zweite eine Teetasse.
Auf die dritte ein rotes Blatt.
Raschel. Raschel. Raschel.
Alle drei landeten im Glas.
Papa BergBiber hatte das Gespräch gehört.
„Wisst ihr“, sagte er, „ich glaube, Glück ist meistens ziemlich klein.“
Bebi sah ihn an.
„Wirklich?“
Papa nickte.
„Die großen Sachen passieren nur manchmal. Geburtstage. Ausflüge. Feste. Aber kleine schöne Dinge passieren jeden Tag.“
„Sogar an Regentagen?“, fragte Bebi.
„Gerade dann kann es Spaß machen, sie zu suchen.“
Bebi betrachtete das Glas.
Plötzlich gefielen ihm Amelies Karten besonders gut.
Eine gefundene Socke.
Eine warme Tasse Tee.
Ein rotes Blatt.
Vielleicht musste etwas gar nicht groß sein, damit man sich darüber freuen durfte.
Kapitel 5 – Ein Glücksmoment für jemand anderen
Am späten Nachmittag war das Glas fast voll.
Doch dann hatte Isabel eine neue Idee.
„Wir sammeln die ganze Zeit Glücksmomente, die uns passieren.“
„Ja“, sagte Bebi.
„Aber können wir auch welche für jemand anderen machen?“
Einen Moment war es still.
Dann sprang Bebi auf.
„Für Mama!“
Die Freunde flüsterten miteinander.
Max malte ein Bild.
Noa räumte die Bauklötze weg, ohne dass jemand ihn darum bat.
Amelie stellte die Schuhe ordentlich an die Tür.
Isabel half Bebi dabei, den Tisch für das Abendessen zu decken.
Als Mama in das Wohnzimmer kam, blieb sie überrascht stehen.
„Was ist denn hier passiert?“
„Nichts!“, rief Bebi viel zu schnell.
Mama lachte.
Beim Abendessen legte Bebi schließlich eine Karte vor Mama.
Darauf stand:
Ein Glücksmoment für dich: Heute musst du nichts mehr aufräumen.
Mama las die Karte.
Dann sah sie die Kinder an.
„Das ist wirklich ein sehr schöner Glücksmoment.“
Bebi strahlte.
Und plötzlich bemerkte er etwas.
Es fühlte sich fast genauso schön an, jemand anderem eine Freude zu machen, wie selbst eine zu bekommen.
Also schrieb er noch eine Karte.
Mama hat sich über unsere Überraschung gefreut.
Die kam natürlich ebenfalls ins Glas.
Kapitel 6 – Wenn ein Tag einmal grau ist
Am Abend waren alle Freunde wieder nach Hause gegangen.
Bebi saß mit Mama und Papa auf dem Teppich.
Zwischen ihnen stand das Glas.
Es war randvoll.
„Wollen wir ein paar lesen?“, fragte Mama.
Bebi griff hinein.
Er zog Noas Karte heraus.
Die riesige Pfütze.
Alle lachten.
Dann kam Max’ Keks.
Amelies rote Socke.
Isabels Nasenkuss.
Der Duft der Apfelküchlein.
Papas Umarmung.
Der glitzernde Regentropfen.
Bebi betrachtete die vielen Karten.
„Mama?“
„Hm?“
„Heute Morgen habe ich gesagt, dass heute ein langweiliger Tag wird.“
Mama nickte.
„Ich erinnere mich.“
„Aber er war gar nicht langweilig.“
„Nein.“
Bebi dachte kurz nach.
„Vielleicht war er sogar richtig schön.“
Papa nahm eine leere Karte.
„Dann fehlt noch eine.“
Er schrieb etwas darauf und gab sie Bebi.
Bebi las:
Ein Regentag mit Menschen, die man liebhat.
Bebi legte die Karte ganz oben ins Glas.
Mama stellte das Glücksglas anschließend auf ein Regal im Wohnzimmer.
„Und was machen wir damit?“, fragte Bebi.
„Wir füllen es weiter.“
„Jeden Tag?“
„Wann immer uns etwas auffällt.“
Bebi nickte.
„Und wenn mal ein richtig blöder Tag kommt?“
Papa zeigte auf das Glas.
„Dann können wir uns ein paar Glücksmomente herausnehmen und uns daran erinnern, dass nicht jeder Moment eines Tages blöd sein muss.“
Bebi gefiel die Idee.
Bevor er ins Bett ging, lief er noch einmal zum Glas.
Er nahm eine letzte Karte.
Darauf malte er Mama, Papa und sich selbst.
Darunter schrieb Mama für ihn die Worte, die Bebi ihr diktierte:
Dass ich zu euch gehöre.
Bebi legte die Karte ins Glas.
Raschel.
Dann lief er zufrieden nach oben.
Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen.
Tipp. Tipp. Tipp.
Bebi hörte einen Moment zu.
Noch am Morgen hätte er vielleicht gedacht:
Schon wieder Regen.
Jetzt dachte er:
Das klingt gemütlich.
Und irgendwo unten im Wohnzimmer stand ein Glas voller kleiner Zettel.
Keiner davon erzählte von etwas besonders Großem.
Und trotzdem steckte darin ziemlich viel Glück.
Ende. 🦫💛

























Hinterlasse einen Kommentar
Alle Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.
Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.